Materialien fehlen, Abläufe werden angepasst, Aufgaben zusätzlich übernommen: So sehen Krisen im Betrieb meistens aus. Und genau dabei können Tätigkeiten, die bislang als sicher galten, neue Gefährdungen mit sich bringen. Die folgenden fünf Übungen machen diese indirekten Risiken für Ihre Teilnehmenden erfahrbar – ohne Katastrophenszenario, mit Beispielen aus dem eigenen Arbeitsalltag.
So machen Sie außergewöhnliche Risiken im Arbeitsalltag greifbar
Krisen zeigen sich im Betrieb häufig nicht als klarer Ausnahmezustand. Stattdessen verändern sich die Arbeitsbedingungen schrittweise: Materialien fehlen, Abläufe werden angepasst, Aufgaben zusätzlich übernommen. Dadurch können Tätigkeiten, die bislang als sicher galten, neue Gefährdungen mit sich bringen. Die folgenden Übungen unterstützen Sie dabei, Teilnehmende für solche indirekten Risiken zu sensibilisieren und ein sicheres Handeln unter veränderten Bedingungen zu fördern.
Übung 1: Veränderungen bewusst wahrnehmen
Arbeiten Sie mit einem realistischen Szenario aus dem betrieblichen Alltag, beispielsweise einem Lieferengpass, einem kurzfristigen Personalausfall oder dem Wegfall externer Unterstützung.
Stellen Sie den Teilnehmenden nacheinander folgende Fragen:
- Was ändert sich dadurch konkret an Ihrer täglichen Arbeit?
- Wie wird in der Praxis häufig versucht, trotzdem arbeitsfähig zu bleiben?
- Wo können dadurch neue Gefährdungen entstehen?
Halten Sie die Antworten sichtbar fest. Ziel der Übung ist es, deutlich zu machen, dass Risiken häufig nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch angepasste oder improvisierte Arbeitsweisen entstehen.
Übung 2: Gefährdungsveränderungen unter Stress erkennen
Wählen Sie einen bekannten Arbeitsplatz oder eine typische Tätigkeit aus dem Betrieb. Bitten Sie die Teilnehmenden, die ihnen bekannten Schutzmaßnahmen oder Betriebsanweisungen zu benennen, die für diese Tätigkeit gelten.
Verändern Sie anschließend gezielt eine der Rahmenbedingungen, z. B.:
- ein gewohntes Arbeitsmittel ist nicht verfügbar
- ein Ersatzstoff oder ein anderes Verfahren wird eingesetzt
- zusätzliche Aufgaben kommen hinzu, weil Personal fehlt
Stellen Sie danach folgende Fragen:
- Welche bekannten Schutzmaßnahmen passen unter diesen Bedingungen nicht mehr vollständig?
- Wo entstehen neue oder erhöhte Gefährdungen?
- Woran würden Sie im Arbeitsalltag merken, dass die Situation nicht mehr sicher ist?
Machen Sie deutlich: Beschäftigte erstellen keine Gefährdungsbeurteilungen. Ihre Rolle besteht darin, Veränderungen und neue Risiken zu erkennen und zu melden, damit Schutzmaßnahmen überprüft und angepasst werden können.
Melden Ihre Beschäftigten Veränderungen tatsächlich – oder halten sie lieber still?
Erkennen und melden ist die Rolle, die der Betrieb den Beschäftigten in der Krise zuweist. Ob sie ausgefüllt wird, entscheidet die Meldekultur im Alltag.⬇️
Übung 3: Entscheidungen unter Zeitdruck reflektieren
Beschreiben Sie eine Situation, in der kurzfristig entschieden werden muss, z. B. über den Ausfall eines wichtigen Arbeitsmittels ohne freigegebenen Ersatz.
Bitten Sie die Teilnehmenden, eine Vorgehensweise zu benennen und diese zu begründen. Nutzen Sie die Rückmeldungen für eine gemeinsame Reflexion:
- Welche Sicherheitsregeln geraten unter Zeitdruck zuerst ins Wanken?
- Wo entsteht zusätzlicher Druck durch Erwartungen, Verantwortung oder Produktionsziele?
- Welche sichere Handlungsoption wäre möglich gewesen, auch wenn sie unbequem ist?
Die Übung macht typische Entscheidungsmuster unter Stress sichtbar.
Übung 4: Improvisation sachlich bewerten
Improvisierte Arbeitsbedingungen bergen immer ein erhöhtes Risiko. Sprechen Sie typische Improvisationen offen an und greifen Sie Beispiele aus dem betrieblichen Alltag auf. Lassen Sie jede Situation gemeinsam einordnen. Ist die entsprechende Improvisation
- kurzfristig vertretbar
- nur mit zusätzlichen Maßnahmen zulässig
- klar unzulässig?
Begründen Sie die Einstufungen gemeinsam. Ziel ist es, ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, dass Krisenvorsorge nicht bedeutet, Regeln außer Kraft zu setzen, sondern Grenzen bewusst zu erkennen und einzuhalten.
Übung 5: Verantwortung und Handlungsspielräume klären
Nutzen Sie diese Übung, um Zuständigkeiten sauber voneinander abzugrenzen. Gerade in Krisen geraten feste und etablierte Zuständigkeiten oft ins Wanken. Stellen Sie den Teilnehmenden die Frage:
- Was kann der Einzelne im Arbeitsalltag in Hinsicht auf mögliche Krisen beachten und vorbereiten?
- Welche Regelungen und Maßnahmen liegen in der Verantwortung des Betriebs?
Ordnen Sie die Beispiele gemeinsam zu, etwa Vertretungsregelungen, Qualifikationssicherung, Materialverfügbarkeit oder Kommunikationswege bei Störungen, Notfällen oder sonstigen Ausnahmesituationen. Die Übung hilft, Missverständnisse zu vermeiden und die eigene Rolle realistisch einzuordnen.
Die fünf Übungen brauchen kein Krisenszenario, sondern einen echten Arbeitsplatz aus Ihrem Betrieb. Je vertrauter die Tätigkeit ist, mit der Sie starten, desto deutlicher wird für die Teilnehmenden, wie wenig es braucht, damit die gewohnten Schutzmaßnahmen nicht mehr passen.
Alle fünf Übungen als Arbeitshilfe zum Ausdrucken – mit den Leitfragen für die Gruppe und dem, was Sie bei jeder Übung herausarbeiten sollten. So haben Sie den Ablauf im Raum vor sich, ohne am Bildschirm nachschlagen zu müssen.
➡️ Krisenrisiken greifbar machen – 5 Übungen für Ihre Unterweisung (Word)
Krisenvorsorge bedeutet nicht, jedes Szenario vorherzusehen. Entscheidend ist, Veränderungen früh wahrzunehmen, Risiken neu zu erkennen und Sicherheit auch unter außergewöhnlichen Bedingungen konsequent mitzudenken.
Und wie bringen Sie das alles in eine Unterweisung, die nicht ausufert?
Übungen, Regeln, Notfallpläne, Szenarien: Das Material ist beisammen, die Dramaturgie fehlt noch. Im letzten Beitrag führt Sie ein Leitfaden Folie für Folie durch die fertige Präsentation ⬇️